Das ist doch klar

Wenn etwas »ohnehin klar« ist, erübrigt sich jedes weitere Wort. In einem Gespräch muss nicht weiter darüber gesprochen werden, in einem geschriebenen Text nicht darauf eingegangen. Alle Fakten liegen vermeintlich am Tisch, man kann sich anderen Dingen zuwenden.

Misstrauen Sie Fakten, »die ohnehin« klar sind.

Türen

Im Requirement Engineering, genauer gesagt, bei der Anforderungsmodellierung nach Kano haben solche Dinge einen eigenen Namen: Basisfaktoren. Das sind jene Merkmale eines Systems, die so elementar sind, dass sie für selbstverständliche gehalten werden. Oder anders gesagt: Sie sind ohnehin klar.

Nehmen wir als Beispiel eine simple Tür.

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Eine Tür soll auf- und zugehen, geklärt werden muss allenfalls die Frage, ob nach links oder rechts. Dank einiger DIN-Normen ist ja sogar geregelt, in welcher Höhe die Scharniere anzubringen sind. Implizit drängt sich bereits die Erkenntnis auf, dass Scharniere ja ohnehin klar sind. Für eine Tür sind das Basisfaktoren, die wir auf jeden Fall brauchen. Darüber müssen wir erst gar nicht reden.

Tatsächlich ist es sogar dringend erforderlich, darüber zu reden. Denn wie wollen wir sonst erkennen, ob nicht vielleicht von einer Schiebetür die Rede ist? Die Scharniere zu übergehen, kann also unnötige Kosten verursachen, wovor Sie ein guter Requrements Engineer jedoch bewahren wird.

Mars

Obwohl es beim Schreiben dieses Texts nur ein kleiner Schritt ist, machen wir nun gedanklich einen Riesensprung: Unnötige Kosten hatte auch die NASA im Jahr 1999. Zwar ist es nur Spekulation, aber die folgende Geschichte passierte wohl auch nur deswegen, weil die Beteiligten davon ausgingen, etwas Bestimmtes wäre »ohnehin klar«.

Am 23. September 1999 erreichte der Mars Climate Orbiter (MCO) den Mars. Durch Zünden der Triebwerke sollte die Sonde abgebremst werden. In einer Höhe von etwa 150 km über der Oberfläche des Planeten sollte der MCO in einen zunächst elliptischen Orbit einschwenken. Dieser Orbit sollte sich durch weiteres Abbremsen nach einigen Wochen in eine Kreisbahn verwandeln.

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Doch dazu kam es nicht. Später stellte sich heraus, dass die Sonde tiefer als vorgesehen in die Atmosphäre des Planeten eintrat und schließlich verglühte.

Die Ursache lag bei Systemen, die, jedes für sich selbst, eigentlich tadellos arbeiteten. Doch leider waren sie in einem wesentlichen Punkt nicht kompatibel. Während die NASA auf das in der Wissenschaft international anerkannte und empfohlene SI-System setzte, benutzte Lockheed Martin, der Hersteller des Navigationssystems, das im angloamerikanischen Raum weit verbreitete imperiale System.

Konkret wurde der Impuls für die Abbremsung von der NASA in Newtonsekunden berechnet. Das Navigationssystem interpretierte diesen Wert jedoch als Pound-Force, bzw. Kraftpfund.

Vereinfacht gesagt, bedeutet dies Folgendes:: Wann immer die NASA von einer Masse von einem kg ausging, rechnete das Navigationssystem mit einem Pfund. Gleiches galt für die Strecke. Wo die NASA mit einem Meter annahm, stand auf der anderen Seite plötzlich eine Distanz von einem Fuß.

Da aber in Wahrheit ein Pfund nur etwas mehr als 450 Gramm wiegt und ein Fuß lediglich ca. 30 cm lang ist, wurde mit falschen Werten gerechnet. Die Resultate dieser Berechnungen waren letztlich um einen Faktor von etwa 4,45 zu klein. Das Ende vom Lied bestand darin, dass die Sonde nicht genug abgebremst wurde und buchstäblich übers Ziel hinausschoss.

Man kann davon ausgehen, dass keine der beiden Seiten böse Absichten hegte. Jedoch, und das ist meine persönliche Spekulation, nahmen alle Beteiligten instinktiv an, es wäre doch ohnehin logisch, mit welchen Einheiten zu rechnen wäre. Für die NASA-Wissenschaftler lag die Verwendung des SI-Standards nahe. Lockheed Martin, als US-amerikanisches Unternehmen, ging von jenem System aus, das in seinem Heimatmarkt, zu dem ja auch die NASA gehört, weit verbreitet ist.

Am Ende stand ein Verlust von fast zweihundert Millionen Dollar, der eigentlich vermeidbar gewesen wäre.

Erkenntnis

Bei der Weitergabe von Fakten, sei es gesprochen oder im geschriebenen Text, ist es normalerweise unumgänglich, Irrelevantes wegzulassen. Gleichzeitig sollte aber alles, das vermeintlich »ohnehin klar« ist, hinterfragt werden. NASA und Lockheed Martin hätten lediglich eine Dokumentation gebraucht, in der klar dargelegt worden wäre, welche Maßsysteme jeweils benutzt wurden. Keiner der Beteiligten hätte sein System ändern müssen, lediglich an den Schnittstellen wäre eine simple Umrechnung erforderlich gewesen.

Natürlich muss eine solche Dokumentation, wenn sie existiert, auch gelesen werden, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Das Fazit ist, dass das Hinterfragen von Fakten, die klar zu sein scheinen, nur eine Seite der Medaille ist. Es bedarf auch eines gewissen Weitblicks, um die Relevanz jener Dinge zu erkennen, die vielleicht sogar im Raum stehen, aber von keiner Seite angesprochen werden. Wer Dokumentationen schreibt oder Informationen auf anderem Wege weitergeben muss, darf keine Angst haben, vermeintlich dumme Fragen zu stellen.

»Wir rechnen aber schon in Metern, nicht wahr?«

Bei der NASA hätte diese Frage vermutlich nur verständnislose Blicke bewirkt. An einen Mitarbeiter von Lockheed Martin gerichtet, hätte sie hingegen einigen Ärger vermeiden können.