Stille Post, Botschaften und Codes

Bestimmt kennen Sie das Spiel »Stille Post«. Die Teilnehmer stellen sich in einer Reihe auf, der Erste denkt sich eine Botschaft aus, die in im Flüsterton von Spieler zu Spieler weitergegeben wird. Was am Ende herauskommt, hat normalerweise nicht mehr viel mit der ursprünglichen Mitteilung gemein.

Tatsächlich spielen wir dieses Spiel Tag für Tag, jedes Mal, wenn wir kommunizieren. Ob wir dabei nur zu einer einzelnen Person oder zu einer Gruppe sprechen, spielt keine Rolle. Die Information kann sich in jedem Schritt der Weitergabe ändern.

Basis dieser Überlegungen ist das Sender-Empfänger-Modell, auch als Shannon-Weaver Modell bekannt. Claude E. Shannon und Warren Weaver sollten in den 1940ern für eine Telefongesellschaft Methoden für eine möglichst fehlerfreie Nachrichtenübermittlung entwickeln. Ihr Modell beginnt mit einem Sender, der eine Botschaft codiert und abschickt. Während der Übertragung kann es zu Störungen kommen, die im schlimmsten Fall auch die Nachricht beeinflussen. Am Ende steht schließlich der Empfänger, der das erhaltene Signal wieder decodiert.


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Trotz der technischen Natur dieses Modells wurde es bald von der Psychologie, der Soziologie und anderen Disziplinen übernommen. Denn hinter den Begriffen »Codierung« und »Decodierung« kann sich auch etwas anderes verbergen als die bloße Umwandlung von Schallwellen in elektromagnetische Signale. Alleine die Mimik eines Menschen ist bereits ein Code für seine Stimmungslage. Augenbrauen, Mundwinkel, ja selbst die Nasenflügel können einiges darüber verraten, was in einem Menschen vorgeht. Dabei lässt sich auch gleich der Begriff der »Störungen« aus dem technischen Kontext lösen, denn nicht immer interpretieren wir Mimik und Gestik unseres Gegenübers richtig. Abhängig von Faktoren wie der persönlichen Vorgeschichte bis hin zum kulturellen Hintergrund können Körperhaltungen, Gesichtsausdrücke oder Gesten auch etwas anderes bedeuten, als wir erwarten.

In der verbalen Kommunikation, sei sie nun schriftlich oder mündlich, verhält es sich nicht anders. Am Anfang steht ein Gedanke. Dieser wird in Worte gefasst, was bereits eine Codierung darstellt. Schon zu diesem Zeitpunkt kann ein Informationsverlust passieren, wenn die Worte den Gedanken nicht adäquat wiedergeben.

Es folgt die Übermittlung. Der Empfänger muss die Worte hören oder lesen. Die Interpretation der erhaltenen Botschaft ist dabei nichts anderes als eine Decodierung. Doch selbst hier ist noch nicht das Ende des Weges erreicht. Denn die Informationen müssen auch verstanden werden.

Die Kommunikation von zwei Menschen kann also auf eine Partie Stille Post umgemünzt werden, an der mindestens vier Spieler teilnehmen: der Gedanke, die Worte, das Lesen oder Hören und schließlich das Verständnis als Endpunkt.


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Beim Schreiben eines Textes gibt es immerhin den Vorteil, dass die Kommunikation nicht in Echtzeit stattfindet. Der Texter kann nach Belieben Pausen einlegen, er kann ganze Passagen ergänzen, umstellen oder sogar löschen. Bildlich gesprochen kann er die Flüsterbotschaft, die der Spieler »Gedanke« an den Spieler »Worte« weitergibt, optimieren und eine passende Codierung wählen. Hilfreich dabei ist natürlich die Kenntnis der Zielgruppe. Beispielsweise sollten Fachbegriffe, die man Spezialisten zumuten kann, bei Laien vermieden, zumindest aber erklärt werden.

Indirekt beeinflusst dieser frühe Schritt den weiteren Verlauf des Spiels bzw. der Übertragung. Ist der Text auf seine Zielgruppe zugeschnitten, wird die Botschaft, die der Spieler »Leser« dem Spieler »Verständnis« zuflüstert, kaum verfälscht werden. Der ursprüngliche Gedanke wird also sein Ziel erreichen und es wird keine oder nur wenige Probleme beim Verstehen geben.

In diesem Sinne: Spielen wir ein Spiel. Ich schlage Stille Post vor.